200ster Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Interview mit Vorstand Klaus Gimperlein zum Genossenschaftspionier und was er uns heute noch zu sagen hat.

April 2018

 

Raiffeisens Rezept war einfach und fand Nachahmer.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 im Westerwald geboren. Sein Konterfei schmückt Briefmarken und Sondermünzen. Mehrere 100 Straßen und Plätze im Freistaat tragen seinen Namen.

Nahezu jeder vierte Bayer ist Mitglied in einer der 1.260 genossenschaftlichen Unternehmen. Mehr als 31.000 Menschen sind Teilhaber bei der VR meine Bank eG. Damit bilden sie mit den bayerischen Genossenschaften eine der größten mittelständischen Wirtschafts-organisationen im Freistaat.

Das Interview mit Vorstand Klaus Gimperlein

Frage 1: Feiern die Raiffeisenbanken den 200sten Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen?

Antwort:

Klar, dass wir dieses Jahr immer wieder an sein Lebenswerk erinnern.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist neben Hermann Schulze-Delitzsch der Gründungsvater der genossenschaftlichen Organisation. Da ist es doch klar, dass wir dieses Jahr immer wieder innehalten und an sein Lebenswerk erinnern. Mit zentralen Veranstaltungen, regionalen Aktionen der einzelnen Banken, aber natürlich auch in Gesprächen, wie wir es gerade führen.

Frage 2: Was würde Raiffeisen heute auf seiner Geburtstagsfeier sagen?

Antwort:

Genossenschaften sind Netzwerke von Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen - analog und digital.

Raiffeisen war ein bodenständiger Mensch. Von ihm stammt der herrlich pragmatische Satz: „Eine richtige Idee ist auch stets die beste Grundlage für die Praxis.“

Dass seine Idee richtig war, beweisen rund eine Milliarde Menschen weltweit durch ihre Beteiligung an einer Genossenschaft. Genossenschaften sind Netzwerke von Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen, Interessen und Ideen.

So gesehen hat Raiffeisen auf analoger Basis etwas geschaffen, was sich vom Ansatz her dann auch die Begründer der digitalen und sozialen Medien des 21. Jahrhunderts zu eigen gemacht haben, nämlich Menschen zu vernetzen.

Frage 3: Was zeichnet Raiffeisens Idee noch aus?

Antwort:

Menschen sollten auch heute die Kraft der Gemeinschaft nutzen, um ihre Lebenssituation zu verbessern.

Raiffeisen war davon beseelt, in einer Zeit wirtschaftlicher, sozialer und gesellschaftlicher Umbrüche die Existenz von Landbevölkerung, Handwerkern und Gewerbetreibenden zu sichern. Sein Rezept war einfach und fand Nachahmer: Menschen nahmen ihr Schicksal in eigene Hände, schlossen sich zusammen, gründeten Genossenschaften, sorgten selbst für ihr Dasein.

Genossenschaften trugen dazu bei, die Lebensmittelversorgung aufrechtzuerhalten, dass Bauern und Handwerker Kredite zum Produzieren hatten. Raiffeisens Genossenschaftsidee wurde zum Schwungrad der regionalen Wirtschaft. Übrigens auch hier in der Region mit der Gründung der ersten Raiffeisenbanken vor rund 130 Jahren.

Frage 4: Schön und gut, aber Raiffeisen Zeit vor 200 Jahren ist kaum mit der heutigen vergleichbar…

Antwort:

Umbrüche erleben wir auch heute noch, die uns herausfordern Initiativen zu ergreifen.

…vielleicht nicht materiell. Aber Umbrüche erleben doch auch wir fortwährend.

Als vor zehn Jahren die Finanzkrise ausbrach und viele große Banken in Not kamen, drohte der Wirtschaft eine Kreditklemme. Damals waren es ganz maßgeblich die Volksbanken und Raiffeisenbanken, die zum Mittelstand hielten und die notwendige Liquidität sicherstellten. Sie sorgten für Stabilität, wo andere wankten. Sie hielten den Kreditkreislauf am Leben.  

Als 2011 nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima die Energiewende in Deutschland ausgerufen wurde, gründeten sich in Bayern in kurzer Zeit Dutzende Energiegenossenschaften. Sie etablierten die regionale Versorgung mit regenerativen Energien.  Im letzten Jahr wurden 20 Genossenschaften im Freistaat gegründet – alle mit dem Zweck durch privatwirtschaftliche Initiative eine gesellschaftliche oder wirtschaftliche Lücke zu schließen.

Raiffeisen ist zwar vor 130 Jahren gestorben. Sein Lebenswerk aber ist aktuell und trifft den Nerv der Zeit.

 

Frage 5: Inwiefern trifft Raiffeisens Idee den Nerv der Zeit?

Antwort:

Unsere Gesellschaft erlebt seit geraumer Zeit eine Renaissance des Regionalen.

Frage 6: Was meinen Sie damit, dass sich nicht nur der Finanzminister über Genossenschaften freut?

Antwort:

Es ist gut, dass Genossenschaften zunehmend mehr politische Wertschätzung erfahren.

Im neuen Koalitionsvertrag wurde im Kapitel „Erfolgreiche Wirtschaft für den Wohlstand von morgen“ festgehalten, dass die Regierung„Genossenschaften als nachhaltige und krisenfeste Unternehmensform in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen stärken“ will.

 

Frage 7: Welche Erwartungen haben Sie konkret an die Politik?

Antwort:

Wer Genossenschaften stärken will, der muss auch dafür sorgen, dass die politischen Rahmenbedingungen richtig gesetzt sind.

Wir sehen zum Beispiel mit großer Sorge die Diskussion um eine europäische Einlagensicherung. Sie hat zum Ziel, alle Banken Europas, die guten wie die schlechten, in eine Haftungsgemeinschaft zu zwingen. Angesichts von über 900 Milliarden Euro an faulen Krediten in den Bilanzen vor allem südeuropäischer Banken halte ich das für unverantwortlich. Warum sollen für die Risiken anderer künftig auch die Volksbanken und Raiffeisenbanken haften?

Mit Skepsis blicke ich zudem auf Bestrebungen, politisch in bewährte Liefer- und Abnahmestrukturen von Milchbauern und Molkereigenossenschaften einzugreifen. Dort, wo Wirtschaft funktioniert, sollten sich Politik und Staat raushalten. Und dort, wo Wirtschaft nicht funktioniert, sollten sie die Rahmenbedingungen so setzen, dass Anreize für private Initiative und selbstverantwortliches Handeln entstehen.

Frage 8: Hilfe zur Selbsthilfe - ist das das Vermächtnis von Raiffeisen?

Antwort:

Lassen wir doch Raiffeisen, der selbst lange Zeit Politiker war, zu Wort kommen:

 

Er formulierte es so:

Der Staat sollte „der Bevölkerung behilflich sein, jedoch nur insoweit, als dadurch das Selbstdenken und die Selbsttätigkeit nicht gehemmt werden.“

 

Ich finde, das ist ein Politik-, Staats- und Gesellschaftsverständnis, an das man aktuell wieder stärker anknüpfen sollte.


Das Interview haben wir geführt mit

Klaus Gimperlein

 

  • Stellvertretender Vorstandsvorsitzender VR meine Bank eG
  • Vorsitzender des Raiffeisen-Kreisverbandes im Landkreis NEA-BW
  • Stiftungsvorstand der GenossenschaftsStiftung der VR-Bank Uffenheim-Neustadt